Solidaritätserklärung von Dr. Azadeh Sharifi

We Refugees!

Solidaritätserklärung für die hunger- und durststreikenden Asylsuchenden vom Alexanderplatz
Dr. Azadeh Sharifi
auch im Namen von
Bündnis kritischer Kulturpraktiker*innen

Ich solidarisiere mich mit den hunger- und durststreikenden Asylsuchenden vom Alexanderplatz. Ich solidarisiere mich mit den Kämpfen und den Forderungen der Menschen, deren Schicksale von bürokratischen Floskeln des deutschen Staates abhängig sind. Von einem Staat, der angeblich das „Grundrecht auf Asyl […] nach den bitteren Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus seit 1949 im Grundgesetz der Bundesrepublik fest verankert“ (http://www.bamf.de/DE/Migration/AsylFluechtlinge/Asylverfahren/EntwicklungAsylrecht/entwicklungasylrecht-node.html) hat. Bittere Erfahrungen ist meiner Ansicht nach ein Euphemismus. Es sind wortleere Hülsen, in der die Subjektivität weiter ausgelöscht bleibt.
In „We Refugees“ skizziert Hannah Arendt, das Dasein von Geflüchteten als Behauste, aber auch im staatlichen Sinne Rechtlose. Sie schreibt: „Das Konzept der Menschenrechte, das auf der puren Existenzberechtigung jedes menschlichen Wesens basiert, zerfiel zu Stückwerk, sobald diejenigen, die es öffentlich verbürgen, sich zum ersten Mal mit Menschen konfrontiert sahen, die aller Bindungen und aller Spezifika beraubt waren. Sie waren Menschen, sonst nichts. Im System der Nationalstaaten erweisen sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte als vollkommen ungeschützt, wenn sie nicht mit denen des Staatsbürgers verknüpft werden können.“
Obwohl Hannah Arendt diese These 1943 formulierte, hat ihre Analyse nichts von ihrer Brisanz verloren. Dies liegt vorallem daran, dass das Problem der Staatenlosigkeit mit gleicher Dringlichkeit wie damals in Europa existiert. Georgie Agamben schreibt, das der Geflüchtete in dem unabwendbaren Prozess, in dem Nationalstaaten und traditionelle Gesetzgebungen an Einfluss verlieren, vielleicht die einzig vorstellbare Existenzform ist. So lange, bis die Nationalstaaten und ihre Souveränität erloschen sein werden, das Dasein als Flüchtling die einzig denkbare Kategorie, in der sich Formen und Grenzen neuer, zukünftiger politischer Gemeinwesen vorstellen lassen.
Ich bin selbst ein Kind von Geflüchteten. Vor über 25 Jahren flohen wir, meine Eltern, meine jüngere Schwester und ich nach Deutschland. Ich war sieben Jahre alt. Drei einhalb Jahre ein Dasein in Asylsuchenden-Lagern. Über zehn Jahre das Leben ohne staatsbürgerliche Rechte. Eine Kindheit und eine Jugend als „Asylantin“. Und trotzdem ist meine Geschichte die einer Privilegierten. Das Privileg eine Geflüchtete zu sein, die nur „wenige“ Jahre den Mühlen der deutschen Asylpolitik ausgesetzt war. Das Privileg, durch akademische Abschlüsse ein Stimme im öffentlichen Raum zu haben. Obwohl die rassistischen Strukturen unserer Gesellschaft mich bis heute noch spüren lassen, dass ich eine Geflüchtete bin.
Heute erhebe ich meine Stimme für meine Brüder und Schwestern, die ihr Recht einfordern. Ein Recht auf die Anerkennung ihrer Flucht und ihres Asylgesuches. Ich solidarisiere mich mit den hunger- und durststreikenden Asylsuchenden vom Alexanderplatz.

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